Der Berner Bahnhofplatz soll den Menschen dienen | Der Bund, 24.11.2020

Der Hirschengraben kann zu einem attraktiven Bahnhofvorplatz werden, wenn die politisch Verantwortlichen ein bisschen städtebaulichen Mut aufbringen.

Foto: Der Bund, Adrian Moser

Pendler und Pendlerinnen erleben es täglich: Der öffentliche Verkehr in der Stadt Bern ist stark auf den Hauptbahnhof ausgerichtet. Immer mehr Menschen sind unterwegs – darum wird der Bahnhof in den nächsten Jahren umgebaut und mit einer zusätzlichen Personenunterführung erweitert. Dabei gilt es, die Bedürfnisse der Menschen und das Städtebauliche intelligent zu verbinden. Dies gelingt der Stadt Bern mit der Verlängerung der Personenunterführung und einer mutigen Umgestaltung des Hirschengrabens.


In seinem Gastbeitrag vom 18. November 2020 plädiert der Architekt Arpad Boa für einen «Bahnhofvorplatz Bubenberg». Städtebaulich mag das spannend sein, der Funktion des Bahnhofs und den Bedürfnissen der Menschen wird er damit aber nicht gerecht. Dass der dafür notwendige Abriss des gesamten Bubenbergzentrums nicht realistisch ist, weil die Besitzer der einen Hälfte dagegen sind, blendet Boa grosszügig aus. Aus seiner Sicht ist die offizielle Planung «städtebaulich wertlos und sogar gefährlich», weil das Bubenbergdenkmal verschoben und der Hirschengraben umgestaltet wird. Wieso eine Denkmalverschiebung gefährlich sein soll, bleibt sein Geheimnis.


Eine Personenunterführung an sich mag städtebaulich zwar kein grosser Wurf sein, aber sie ist praktisch, weil sie verschiedene Bedürfnisse abdeckt. Einerseits müssen die vielen Menschen, die aus dem Bahnhof strömen, auf die andere Seite des Bubenbergplatzes geleitet werden, andererseits müssen die Menschen auf den Velos, in den Trams, Bussen und Taxis sowie die Zuliefer- und Notfallfahrzeuge ebenfalls auf dem Bubenbergplatz verkehren können – auch wenn dieser dereinst autofrei würde. Ohne Personenunterführung kämen die sich kreuzenden Verkehrsströme kaum aneinander vorbei. Da die Menschen im Bahnhof ohnehin schon im Untergrund sind, dürfte es für sie kein Problem sein, noch zusätzliche 100 Meter unterirdisch weiterzugehen, bevor sie direkt im Hirschengraben ans Tageslicht kommen.


Und der Hirschengraben kann tatsächlich zu einem attraktiven Bahnhofvorplatz werden, wenn die politisch Verantwortlichen ein bisschen städtebaulichen Mut aufbringen. Heute wird die Anlage durch zwei Denkmäler beschränkt und zu einem grossen Teil als Veloabstellfläche genutzt. Die Velos stehen dort mehr aus der Not heraus, weil es schlicht zu wenig Veloabstellplätze rund um den Bahnhof gibt. Mit einer neuen Velostation unter dem Hirschengraben könnte deutlich mehr Platz für die Menschen geschaffen werden. Das Gleiche gilt für die beiden Denkmäler. Müssen sie zwingend genau dort stehen, wo es ohnehin kaum Platz hat? Nein, natürlich nicht! Eine Stadt lebt davon, dass sie sich verändert. Auch Adrian von Bubenberg stand nicht immer dort, wo er heute ist. Es fände sich bestimmt eine attraktive Freifläche. Zum Beispiel auf dem Gilberte-de-Courgenay-Platz in Brünnen. Dann wäre der Held von Murten sogar noch ein Stück näher beim Ort seiner heroischen Schlacht. Und der Widmann-Brunnen käme mitten im Kocher-Park vielleicht sogar besser zur Geltung als abgeschlagen am unteren Ende des Hirschengrabens.


Das Stadtzentrum von Bern ist sehr dicht bebaut. Der ÖV ist zwar exzellent ausgebaut, aber beansprucht grosse Teile der Strassen. Umso wichtiger ist es für die Menschen, im städtischen Raum auch einmal eine Freifläche zum Verschnaufen zu finden. Genau eine solche Freifläche kann der Hirschgraben werden. Statt Denkmäler und Velos braucht es nur noch Bänke und Bäume. Und schon gelangen die Menschen vom Bahnhof sicher und ohne Unterbrechung via Unterführung zum Hirschengraben, wo sie direkt auf das nächste Tram, zu Fuss ins Büro oder auch einfach auf dem Platz verweilen können. Einer kleinen, aber feinen Oase zwischen Hausfassaden und Verkehr. Bern braucht keine weitere Visitenkarte. Bern braucht einen Bahnhofvorplatz, der den Menschen dient.


20201124_Bund_Hirschgraben
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Medien-Beitrag

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