Reduktion des MIV | Der Bund, 05.03.2015

 

Die Stadt Bern erstellt derzeit eine neue Energiestrategie. Diese sieht unter anderem eine Reduktion des CO2-Ausstosses durch den Strassenverkehr vor. Auch bürgerliche Politiker finden dies nicht grundsätzlich falsch.

 

 

 

 

Um zehn Prozent hat der motorisierte Individualverkehr (MIV) in der Stadt Bern zwischen 2006 und 2011 abgenommen. Dies schreibt der Gemeinderat in seiner Antwort auf einen Interfraktionellen Vorstoss.

 

Die Interpellanten wollten wissen, ob das in der gemeinderätlichen Energiestrategie 2006–2015 festgehaltene Ziel, den MIV um einen Zehntel zu reduzieren, erreicht worden sei. «Dass dies gelungen ist, freut uns», sagt stellvertretend Stadträtin Regula Tschanz (GB), die sich auch im Verein Läbigi Stadt engagiert.

 

Dieser setzt sich für «eine verkehrsberuhigte Stadt» ein. Doch dem Verein ist die erzielte Reduktion des MIV nicht genug. «Wir fordern vom Gemeinderat, dass er sich in der neuen Energiestrategie 2016–2025 wiederum ein Reduktionsziel in vergleichbarer Höhe setzt», so Tschanz. Sie befürchtet, dass dieses Mal kein fester Zielwert definiert werden könnte.

 

Deshalb werde man einen solchen mittels einer Motion verlangen. Die neue Energiestrategie wird momentan von einer Arbeitsgruppe ausgearbeitet. Neben Themen wie Energieversorgung oder energieeffizientes Bauen geht es dabei auch um den Verkehr. Gemäss Adrian Stiefel, Leiter des städtischen Amtes für Umweltschutz, wird auch die neue Energiestrategie ein «überprüfbares Ziel zur Reduktion des MIV beinhalten».

 

Gemäss Informationen, die dem «Bund» vorliegen, dürfte sich dieser Zielwert anstatt auf eine Reduktion des MIV künftig aber auf die Senkung des von diesem verursachten Ausstosses an CO2 beziehen.

 

Auch die Daten, aus denen der Gemeinderat die erfolgte Reduktion des MIV abliest, stützen sich gemäss dem städtischen «Statusbericht Umweltmanagement und Energiestrategie 2014» einzig auf sogenannte Klimagasmessungen, bei denen an Messstellen am Strassenrand der CO2-Gehalt der Luft ermittelt wird.

 

«Das Resultat basiert allerdings teilweise auf unsicheren Daten und ist deshalb mit Vorsicht zu geniessen», steht im Bericht. Damit misstraut die Stadt den eigenen Daten. An zwei Stellen wird der Verkehr in der Stadt aber auch physisch gezählt: Eine der Zählstellen befindet sich auf der Monbijoubrücke.

 

Bei dieser ist zwischen 2006 und 2012 tatsächlich eine Reduktion des MIV um rund 10 Prozent festzustellen. Bei jener auf der Lorrainebrücke blieb die Zahl der Fahrzeuge, die diese im Durchschnitt täglich passieren, im gleichen Zeitraum aber beinahe stabil. Erst im vergangenen Jahr war eine Abnahme erkennbar.

 

Gemäss Stiefel entlastet die durch die Luftmessungen festgestellte Abnahme denn auch in erster Linie die Quartiere: «Die Sicherheit wird erhöht; die Lebensqualität steigt.»

 

«Wir haben nichts gegen eine Reduktion der durch den Verkehr verursachten Klimagase», sagt Jean-Marc Fries, Geschäftsführer der Sektion Bern des Touringclubs (TCS). Wie andere Verkehrsorganisationen konnte sich auch der TCS zu der neuen Strategie äussern.

 

Einer Zielsetzung, welche auf eine direkte Reduktion des MIV zielt, widersetzt sich der autofreundliche Verkehrsclub aber. «Für eine Energiestrategie ist der Energieverbrauch relevant und nicht die Verkehrsmenge», so Fries. Die Energiestrategie sei zudem der falsche Ort, um Verkehrspolitik zu machen.

 

«Ich begrüsse eine Reduktion des MIV», sagt David Stampfli, SP-Stadtrat und Präsident von Pro Velo Bern. Sie sei für ihn aber keine «explizite Forderung». «Im Vordergrund steht die Förderung des Veloverkehrs.» FDP-Stadtrat Bernhard Eicher moniert derweil, dass der Gemeinderat in seinem Bestreben, den Verkehr zu reduzieren, einseitig auf innerstädtische Massnahmen setze. «Das Lobbyieren für Grossprojekte wie den sogenannten Autobahn-Bypass in Muri wird daneben stark vernachlässigt.» Leistungsfähigere Autobahnen am Stadtrand könnten auch den Verkehr in der Stadt reduzieren, so Eicher. Eine solche Reduktion begrüsst er: «Jede eingesparte Autofahrt in der Stadt ist ein Gewinn.»

 

 

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