Mit dem Velo ans Gurtenfestival? | Ein Selbstversuch

 

Mit dem Velo komme ich sicher, schnell und bequem ans Gurtenfestival – dachte ich! In Wirklichkeit ist es eine Spiessrutenfahrt: Die Strecke vom Bahnhof Bern nach Wabern ist gespickt mit Hindernissen für Velofahrende.

 

 

 

Es beginnt schon mit dem unübersichtlichen Bahnhofplatz, den ich nur auf fragwürdigen Umwegen hinter mich bringe. Ein grosses Glück, dass mir kein geistesabwesender Fussgänger vors Velo stolpert. Es hat zwar überall Zebrastreifen, aber Fussgänger schlendern lieber irgendwie quer über den Platz. Als nächstes erwartet mich der Hirschengraben. Hier habe ich die Wahl: östliche oder westliche Route? Die östliche Route bietet zwar einen Velostreifen. Leider nutzen diesen aber die Strasse aufwärts auch unkundige Velofahrende. Abgesehen davon, dient er als Trottoir und Begegnungszone. Beim Versuch auszuweichen, braust mir ein 10er-Bus entgegen – mit einem Chauffeur, der meint, er sei auf einer Rallye. Die rechte Route ist noch heikler: Dort lauern Tramschienen, viele Trams und noch mehr ver(w)irrte Fussgänger. Egal, welche Route ich nehme, nach dem Hirschgraben stehe ich ohnehin an der nächsten Ampel. Grünes Licht? Fast nie! Wechselt sie dann doch einmal auf grün, muss ich versuchen, den Schienensalat auf der Kreuzung Effingerstrasse-Monbijoustrasse ohne Sturz zu überqueren.

 

Ampeln als reinstes Rotlicht-Milieu
Weiter geht die (nerven-)aufreibende Fahrt die Monbijoustrasse hinunter zur Kreuzung an der Kapellenstrasse, wo mich schon die nächste Ampelanlage regelrecht abpasst. Eigentlich ist sie überflüssig, denn die beiden Zebrastreifen über die Monbijoustrasse gewähren den Fussgängern sowieso Vortritt. Und die Fussgänger, hauptsächlich Schüler, überqueren die Strasse sowieso irgendwann und irgendwie. Die nie enden wollenden Ampelphasen und die unklare Trottoir-Überfahrt aus der Kapellenstrasse runden diese reinste Veloschikane ab. Weiter geht es den Tramschienen entlang durch die Haltestelle Monbijou, die entgegen der landläufigen Fussgängerwahrnehmung keine Begegnungszone ist, zur Ampelkreuzung Schwarztorstrasse. Diese Kreuzung wird von vier wunderschönen gelben Zebrastreifen umrankt. Leider benutzen ihn die Fussgänger höchst selten. Trotzdem sind die Ampeln so eingestellt, dass sie bei allen vier Zebrastreifen gleichzeitig auf Grün stehen. Das legt die Kreuzung für den restlichen Verkehr komplett lahm! Auch diese Ampeln sind unnütz, weil die wenigen Fussgänger ohnehin Vortritt geniessen.

 

Ausbremser aller Art
Bei der Anfahrt zur Kreuzung Eigerstrasse verengt sich der Raum zwischen Schiene und einer Baustelle auf dem Trottoir zunehmend, daneben drängeln sich dicht an dicht die Autos. Was für ein unangenehmer Moment! Bei der Kreuzung besteht dasselbe Problem wie bei der vorherigen. Zwar hat der parallellaufende Zebrastreifen grün, ich aber nicht,  und so verliere ich an Schwung. Dabei brauche ich den dringendst für den Hang, der vor mir liegt. Abgesehen von der Steigung und den omnipräsenten Tramschienen, ist die Route nun hindernisfrei. Oben angekommen, will ich linkerhand in die Seftigenstrasse einbiegen. Das 9er-Tram will dasselbe. Und weil sich rechts obendrein ein Dienstgleis befindet, muss ich den Schienenmischmasch in einem denkbar schlechten Winkel überqueren. Dazu kommt noch ein riesiges Markierungsdurcheinander, weil diese Kreuzung momentan auch noch saniert wird. Habe ich das ohne Sturz geschafft, dann bin ich wenigstens die Tramschienen los: Diese werden nun in einem separaten Trassee weitergeführt. Zu früh gefreut: Auf der schmalen Seftigenstrasse hat es nicht für einen Velostreifen gereicht und ich fühle mich den Autofahrenden, die sich schon auf einer Überlandstrasse wähnen, ausgeliefert.

Parkieren – leichter gesagt, als getan
Zum Glück ist dieser Abschnitt kurz und ich biege rechts in die Bondelistrasse ein. Dort erblicke ich auf der linken Strassenseite provisorische Veloabstellplätze. Allerdings habe ich keine Lust, mein Velo schon hier abzustellen, denn bis zur Gurten-Talstation ist der Weg noch ziemlich weit. Die Veloabstellplätze erstrecken sich bis zur nächsten Kurve, dann ist fertig. Schluss. Ein orange gekleideter Helfer erklärt mir mit der Freundlichkeit eines Sportplatzwarts, dass ich mein Velo später nicht mehr parkieren könne und mir einen Platz weiter unten suchen solle. Es bleibt mir nichts anders übrig, als seinen Rat zu befolgen. Als ich später auf der Kirchstrasse Richtung Talstation gehe, traue ich meinen Augen nicht: Beim Schulhaus Morillon hat es reichlich Platz und sogar einen leeren Veloständer! Diese Fläche ist jedoch mit rotweissem Band und Gittern abgesperrt und eine Tafel weist darauf hin, dass hier das Abstellen von Velos verboten ist. Fürchtet die Schulleitung um ihren Pausenplatz? Mir bleibt nur ein Kopfschütteln. Nach einem beschwerlichen Trip zum Gurten kann ich mein Fahrrad nicht einmal in vertretbarer Distanz abstellen, obwohl es genügend Platz hätte. Ernüchtert merke ich, dass der Weg zur Velostadt Bern genau gleich ist wie der nun bevorstehende Aufstieg auf den «Güsche»: lang und steinig.

 

 

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